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Blues unter dunklem Himmel
Bob Dylan führte seine "Never Ending Tour" knapp an
Österreich vorbei: Im bayrischen Bad Reichenhall wurde er
umjubelt - für eine Handvoll alter, mit Nachdruck und Grimm
erneuerter Songs
Cinderella und Romeo,
Kain und Abel, der Glöckner von Notre Dame,
Einstein, als Robin Hood verkleidet: Wieder einmal versammelte
sich
die seltsame Parade auf der "Desolation Row". Alle
machen Liebe oder
warten auf Regen, heißt es in diesem vor dicht gepackten
Bildern fast
zerplatzenden DYLAN-Song aus dem Jahr 1965, und: Die Sterne
beginnen
sich zu verstecken. Unter ein "Sternenzelt" hatte
das Festival in
Bad Reichenhall geladen, doch die Sterne hatten sich längst
unter
Wolken versteckt. Man erwartete Regen, gedrängt zwischen den
Mauern
der Alten Saline. Ein schönes Szenario für den in Würde und
Grant
gealterten Meister, der nicht daran denkt, seine im Grunde
1988
begonnene "Never Ending Tour" abzubrechen.
Die Songs, die er spielt, sind im Durchschnitt 32 Jahre alt.
Cinderella,
Romeo und so weiter - um nur bei Desolation Row zu
bleiben - sind
längst in den Sätzen gefangen, die DYLAN ihnen in seiner
genialischen
Phase geschmiedet hat. Heute deutet er die ursprüngliche
Gesangsmelodie
oft nicht einmal mehr an, biegt alle Sätze, verschiebt jedes
Versmaß - die
Worte läßt er stehen. "I know my song well before. I
start singing", hat er
festgelegt, als er noch sehr jung und sehr altklug war: Das
gilt bis
heute. In manchen Momenten klingt DYLANs Interpretation wie
das
Aufsagen eines in einer veralteten Sprache verfaßten
Gebetbuchs, dann
wieder legt er plötzliche Inbrunst in einzelne Wörter: Den
Korkenzieher,
der in You' re A Big Girl Now durchs Herz geht, meint man zu
spüren. Wer DYLANs Live-Konzerte über das letzte Jahrzehnt
verfolgt
hat, weiß: Was er seinen Songs antut, ist kein Zerstörungswerk,
schon
gar kein lustloses Zerlegen, sondern ein ständiges
Ausprobieren:
Was kann man mit diesem Material noch alles anfangen?
Königliche Schlamperei
Bei aller versunkenen bis mürrischen Mimik: Diese Arbeit muß
sowohl
für DYLAN selbst als auch für seine Band ein ziemlicher Spaß
sein.
Ein lockerer Spaß: Die Vorschrift, daß alle zusammen ein
Lied anfangen
und wieder aufhören müssen, gilt unter diesen Brüdern nicht
so streng,
und wenn DYLAN eine Zeile hinten nach ist, singt er sie halt
auch
in den Refrain hinein. Diese königliche Schlamperei
ergibt sich auch
daraus, daß DYLAN seine Setlist permanent verändert. Da kann
Maggie's Farm anfangen wie der Tombstone Blues, der wird
dann später nachgereicht, der giftige Blues dahinter ist
ohnehin
derselbe. Die Band, die DYLAN derzeit begleitet, bringt
vielleicht
nicht den feinen "Quecksilber-Sound" von Blonde
On Blonde, den er
als sein Ideal nannte. In ihrer in den schnelleren Gängen
vehementen
bis rohen, in langsameren Songs fast grüblerischen
Manier kommt sie
aber fast an "The Band" selbst heran: Gitarrist
Charlie Sexton
versteht sich aufs Jubilieren und aufs Kommentieren,
Larry
Campbell spielt eine himmlische Steelguitar, David Kemper
kann
am Schlagzeug fast so seelenvoll wirbeln und poltern wie
einst
Levon Helm. Ein Höhepunkt: Drifter's Escape, diese seltsame Miniatur
über das Versagen
der irdischen Gerechtigkeit, mit geschärftem Hohn
und Trotz.
Wunderkerzen und Wind
Mit einem leutseligen Rainy Day Women endete das eigentliche
Programm, der üppige Zugabenblock eröffnete mit dem
altersmürrischen Things Have Changed. Bei Like A Rolling
Stone
sprühten schon die Wunderkerzen: Das Publikum schien sich die
gewohnte Hohn-Version ersingen und erfunkeln zu wollen,
DYLAN gab fast
nach. Das verschrobene
If Dogs Run Free, dann All Along The Watchtower:
nach dem pflichtschuldig in die bayrische Prärie heulenden
Wind noch
einmal die erste Strophe, noch einmal der Narr und der Dieb,
die das Leben
nicht für einen Witz halten. Dieser Song, dem DYLAN über die
Jahre am
treuesten geblieben ist, scheint in jeder Variation nur zu
gewinnen.
Bei Knockin' On Heaven's Door fügte DYLAN wie
seit Jahren die
stoische Zeile "Like so many times before" hinzu -
und eine neue Strophe,
in der von einem verdunkelten Himmel die Rede ist, ganz in der
Tonart
seiner letzten Platte Time Out Of Mind, dieses störrischen
Alterswerks,
das so unheimlich nach Schlußpunkt klingt. Demnächst will
DYLAN, so
heißt es, eine Platte mit altem Blues veröffentlichen.
Es
wird wohl dunkel werden.
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