n.B.u
GERMANY 
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Bob Dylan in Bad Reichenhall 2001 - Bootlegcover


Bad
Reichenhall 2001
von
Thomas Kramar

Die Presse


Blues unter dunklem Himmel

Bob Dylan führte seine "Never Ending Tour" knapp an Österreich vorbei: Im bayrischen Bad Reichenhall wurde er umjubelt - für eine Handvoll alter, mit Nachdruck und Grimm erneuerter Songs

Cinderella und Romeo, Kain und Abel, der Glöckner von Notre Dame, 
Einstein, als Robin Hood verkleidet: Wieder einmal versammelte sich 
die seltsame Parade auf der "Desolation Row". Alle machen Liebe oder 
warten auf Regen, heißt es in diesem vor dicht gepackten Bildern fast 
zerplatzenden DYLAN-Song aus dem Jahr 1965, und: Die Sterne beginnen 
sich zu verstecken. Unter ein "Sternenzelt" hatte das Festival in 
Bad Reichenhall geladen, doch die Sterne hatten sich längst unter 
Wolken versteckt. Man erwartete Regen, gedrängt zwischen den Mauern 
der Alten Saline. Ein schönes Szenario für den in Würde und Grant 
gealterten Meister, der nicht daran denkt, seine im Grunde 1988 
begonnene "Never Ending Tour" abzubrechen.
Die Songs, die er spielt, sind im Durchschnitt 32 Jahre alt. Cinderella, 
Romeo und so weiter - um nur bei Desolation Row zu bleiben - sind 
längst in den Sätzen gefangen, die DYLAN ihnen in seiner genialischen 
Phase geschmiedet hat. Heute deutet er die ursprüngliche Gesangsmelodie 
oft nicht einmal mehr an, biegt alle Sätze, verschiebt jedes Versmaß - die 
Worte läßt er stehen. "I know my song well before. I start singing", hat er 
festgelegt, als er noch sehr jung und sehr altklug war: Das gilt bis 
heute. In manchen Momenten klingt DYLANs Interpretation wie das 
Aufsagen eines in einer veralteten Sprache verfaßten Gebetbuchs, dann 
wieder legt er plötzliche Inbrunst in einzelne Wörter: Den Korkenzieher, 
der in You' re A Big Girl Now durchs Herz geht, meint man zu 
spüren. Wer DYLANs Live-Konzerte über das letzte Jahrzehnt verfolgt 
hat, weiß: Was er seinen Songs antut, ist kein Zerstörungswerk, schon 
gar kein lustloses Zerlegen, sondern ein ständiges Ausprobieren: 
Was kann man mit diesem Material noch alles anfangen?

Königliche Schlamperei

Bei aller versunkenen bis mürrischen Mimik: Diese Arbeit muß sowohl 
für DYLAN selbst als auch für seine Band ein ziemlicher Spaß sein. 
Ein lockerer Spaß: Die Vorschrift, daß alle zusammen ein Lied anfangen 
und wieder aufhören müssen, gilt unter diesen Brüdern nicht so streng, 
und wenn DYLAN eine Zeile hinten nach ist, singt er sie halt auch
 in den Refrain hinein. Diese königliche Schlamperei ergibt sich auch 
daraus, daß DYLAN seine Setlist permanent verändert. Da kann 
Maggie's Farm anfangen wie der Tombstone Blues, der wird 
dann später nachgereicht, der giftige Blues dahinter ist ohnehin 
derselbe. Die Band, die DYLAN derzeit begleitet, bringt vielleicht 
nicht den feinen "Quecksilber-Sound" von Blonde On Blonde, den er 
als sein Ideal nannte. In ihrer in den schnelleren Gängen vehementen 
bis rohen, in langsameren Songs fast grüblerischen Manier kommt sie 
aber fast an "The Band" selbst heran: Gitarrist Charlie Sexton 
versteht sich aufs Jubilieren und aufs Kommentieren, Larry 
Campbell spielt eine himmlische Steelguitar, David Kemper kann 
am Schlagzeug fast so seelenvoll wirbeln und poltern wie einst 
Levon Helm. Ein Höhepunkt: Drifter's Escape, diese seltsame Miniatur 
über das Versagen der irdischen Gerechtigkeit, mit geschärftem Hohn 
und Trotz.

Wunderkerzen und Wind

Mit einem leutseligen Rainy Day Women endete das eigentliche 
Programm, der üppige Zugabenblock eröffnete mit dem 
altersmürrischen Things Have Changed. Bei Like A Rolling Stone  
sprühten schon die Wunderkerzen: Das Publikum schien sich die gewohnte Hohn-Version ersingen und erfunkeln zu wollen, DYLAN gab fast 
nach. Das verschrobene 
If Dogs Run Free, dann All Along The Watchtower: 
nach dem pflichtschuldig in die bayrische Prärie heulenden Wind noch 
einmal die erste Strophe, noch einmal der Narr und der Dieb, die das Leben 
nicht für einen Witz halten. Dieser Song, dem DYLAN über die Jahre am 
treuesten geblieben ist, scheint in jeder Variation nur zu gewinnen.
Bei Knockin' On Heaven's Door fügte DYLAN wie seit Jahren die 
stoische Zeile "Like so many times before" hinzu - und eine neue Strophe, 
in der von einem verdunkelten Himmel die Rede ist, ganz in der Tonart 
seiner letzten Platte Time Out Of Mind, dieses störrischen Alterswerks, 
das so unheimlich nach Schlußpunkt klingt. Demnächst will DYLAN, so 
heißt es, eine Platte mit altem Blues veröffentlichen. 

Es wird wohl dunkel werden.


Bob Dylan in Bad Reichenhall 2001 - Bootlegcover