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Bob Dylan in Bad Reichenhall 2001 - Bootlegcover


Bad
Reichenhall 2001
von
Bernhard Flieher



Bob Dylan unterbrach am Mittwoch seine endlose Reise, um in der Alten
Saline in Bad Reichenhall für einen Moment die Welt anzuhalten.


. . . also dieses Mal Bad Reichenhall. Und wenn Sie das gelesen haben, hat er
bereits Udine hinter sich gelassen und zieht nach La Spezia, dann nach
Pescara, Anzio . . . Bob Dylan reist, macht alle paar Tage Halt. In Orten, die
nichts bedeuten, packt er seine Gitarre aus, geht auf die Bühne, reist durch
seine Lieder, geht weiter. Keine Anstrengungen macht der 60-Jährige dabei,
um schön zu klingen, gar tiefsinnig. Er erzählt und wir hören zu. Und es hat den
Anschein, als wäre ihm beides gleichgültig.

Dabei gibt es keinen triftigen Anlass für ihn, sich auf den Weg zu machen. Er
ist reich. Er ist berühmt. Er wird - in Jahren gemessen - alt. Genug Gründe, an
Ort und Stelle zu bleiben. Doch diese Gründe haben keine Bedeutung, auch
wenn die Motive der Fahrt irrational sind. 

Dylan singt ununterbrochen, weil er so einem übermächtigen Erbe, einer zu
Orden und Auszeichnungen gewordenen Verehrung, entfliehen kann. Nichts ist, wie es ist, ließ er schon bei den zahlreichen Wandlungen im Lauf seiner
40-jährigen Karriere erahnen. Nun schenkt er Gewissheit. Er taucht da und dort auf wie die mythologische Gestalt des Great American Whale. Er bläst. Und alle Blicke richten sich auf ihn. Hinfahren. Wieder eine Chance, ihm nahe zu kommen, mit ihm vielleicht endlich fertig zu werden. Doch zu fassen kriegt ihn niemand. 

Dylan unterwirft sich nicht den Reglementierungen und dem rationalen
Verhalten der Pop-Zivilisation. Für ihn existieren keine festgelegten
Ablaufpläne. Er folgt einem verwirrenden, bestenfalls geographisch
nachvollziehbaren (Tour-) Plan, der ihn kreuz und quer durch das Land führt.
Wie ein Landstreicher mit Gitarre, ein Vagabund voller Melodien streift er
herum. Ortlos lebt er. 

Ein Ortloser, der Heimat im Werk findet

Heimat ist ihm sein Werk, das er wild durcheinander wirbelt, neu definiert,
umkrempelt, unterläuft. Er sägt an Hymnen, Liebesliedern, poetischen
Glanzstücken, die ihm längst entrissen sind, die aufgenommen wurden in das
große Liederbuch der Welt. Und er sägt und nörgelt, dreht und verfremdet sie
so lange, bis sie wieder ihm allein gehören. Nomadentum in seiner Ausprägung
als zerstörende Macht, die zivilisatorische Normen, zum allgemeinen Konsens
gewordene Gesetzmäßigkeiten, aus Klischees geborene Erwartungshaltungen
zertrümmert, demonstriert Dylan. 

Freilich mögen auch Streunen und Herumziehen Alltag werden. Sie bergen
allerdings Abenteuer und Neugier, halten die Augen offen für einen befreienden Blick - vor allem auf das eigene Tun. 

Wer Dylan auf seiner seit Ende der 80er Jahre laufenden Never Ending Tour
sieht, wird Kiebitz einer öffentlichen Verhandlung des eigenen Werks. Als
Hinrichtung und Freispruch kann sie enden. Hier liefert sich einer der Gunst
oder der Verdammnis des Augenblicks aus - und zwar einer, dem schon vor 40 Jahren die Ewigkeit gehörte. Die Schonungslosigkeit, mit der Dylan die rastlose Fortschreibung eines ewigen Materials betreibt, raubt den Atem. Ausgewählt - so macht es den Anschein - wird nach Lust und Laune, nach dem Wohlbefinden beim Aufstehen, nach dem ersten Blick aus irgendeinem fremden Hotelzimmer. Wohin wir heute Abend aufbrechen, entscheiden die Eindrücke des Tages. 

Er schöpft dabei aus dem vielfältigsten und einflussreichsten Werk eines
einzelnen Künstlers in der Rockgeschichte. Aus rund 600 Songs, die nie in
langer Studioarbeit eingespielt, sondern meist hingeworfen, als Vorläufigkeit
aufgenommen wurden, kann er sich bedienen. Es erübrigt sich die Frage nach
einer aufschlüsselbaren Struktur des Programms für einen einzigen Abend. Wer am Mittwoch im Hof der Alten Saline dem nasskalten Wetter trotze, erlebte einen solchen Entwurf live. 

. . . also dieses Mal Bad Reichenhall. Die Songs selbst halten dann ebenso
wenig still, wie es Dylan tut. Ruhelose Neuinterpretierungen raunzt er hin.
Dylanologen spornt das zu interpretatorischen und vor allem statistischen
Hochleistungen an. Alles vergeblich. Vielleicht noch tabellarisch aufzuzeichnen,
sonst aber jeder Deutung entzogen, spielt Dylan einfach drauf los. 

Absolute Verweigerung jeder Erwartungshaltung

Mit drei Ausnahmen entstanden die Songs dieses Abends vor 1973 - und sind
doch nicht alt, nicht einmal tausendfach gehörte Zugaben wie Like A Rolling
Stone, Knockin' On Heavens Door
oder die Mutter aller Dylan-Songs Blowin' In The Wind haben Patina angelegt. 

Klassisch programmatisch eröffnet er mit einem Traditional: Hallelujah, I'm
Ready To Go
, in dem es heißt: "On a highway heading down below/I let my
savior in and he saved my soul from sin". Hier fomuliert er - mit einem Griff in
die Schatztruhe musikalischer Tradition Nordamerikas - die Befreiung nicht nur von allzu menschlicher Last, sondern von der Vereinnahmung als Pop-Gottheit, als einflussreich(st)er (Pop-) Künstler. Seinen Weg lässt er seit langem von diesen Kategorien wegführen. Er verweigert sich jeder Erwartungshaltung. Irgendwann an ein paar freien Tagen entstand das Album Love an Theft (erscheint im September). Von irgendwann und irgendwo scheinen auch die Songs zu kommen. Lakonisch, unsentimental, geradezu mit gespenstischer Ortlosigkeit erzählt die Stimme. Einem fahrenden Sänger gehöre ich, sagt sie. Einem, der wie ein Straßenmusiker im Anzug eines Südstaatenpredigers daherkommt. Nach To Ramona eine atemberaubend nebensächlich hingeworfene Version von Desolation Row. Dann ein zähes Maggie's Farm, ein uferloses Million Miles . . . Most Likley You Go Your Way (And I'll Go Mine); It's All Over Now, Baby Blue; A Hard Rain's A-Gonna Fall; Don't Think Twice, It's All Right; Tombstone Blues; das seltene You're A Big Girl; Drifter's Escape; Rainy Day Woman #12 & #35. In jede Nummer wird von Dylan und seinen vier Begleitern nach ein paar Stimm-Zupfern an der Gitarre hineingerumpelt. 

Daraus wachsen zur scharfen, nasalen Stimme in weiter Ferne klingende,
krächzende Blues-Variationen oder polternde Country-Rocker oder zu breiten Flüssen verschleppte einstmalige Stampfer. Das Erkennen wird schwer
gemacht. Die Neuformung dient eben auch der Verschleierung, dem
Verstecken. Hier bekommt niemand einen Hit, wie er ihn seit ungefähr tausend
Jahren kennt, auch wenn zumindest zwei Drittel der Songs des Abends zum
pophistorischen Allgemeingut zu zählen sind. Hier bekommt jeder raue,
authentische Jetztundnurjetzt-Versionen von Liedern, für die Dylan
entschieden hat, dass sie sich ständig bewegen müssen, um am Leben zu
bleiben, eben weil sie - wie der Schöpfer selbst - zum pophistorisch
verallgemeinerten Gut zu zählen sind. 

Ein Risikoabend, der Fehler und Längen birgt

Dylan agiert bei seiner Reise ohne Netz. Dieses Risiko birgt die Gefahr von
Fehlern, von Längen, von Nachlässigkeiten. Und es birgt die Verstörung jener,
die der Verwandlung seines Werkes nicht folgen (wollen). Weil er sich der
Gefahr der täglichen Erneuerung, der ständigen Verfremdung aussetzt, lässt er
aber Sternstunden passieren. Wie etwa die Reichenhaller Versionen von
Desolation Row und ein knallhartes All Along The Watchtower, ein in die Nacht fliegendes Don't Think Twice, It's All Right und eine dreckig verschlafenes Drifter's Escape

In diesen Momenten, wenn er sich gehen lässt, wenn er wirkt wie ein
Reisender, für den Start und Ziel ihre Bedeutung verloren haben, der
stattdessen die Bewegung als eigentlichen Ankunftsort verstanden hat, dann,
wenn Dylan ganz bei sich ist, ist er auch bei uns. Bei jedem Einzelnen, für
jeden Einzelnen singt er - wo auch immer und wie groß auch immer die Menge
sein mag, der er entgegenblickt. Dann spricht er nur zu mir. Dann formuliert er
Sätze nur für mich. Ohne dass sich eine übermächtige Erinnerung an legendäre
Alben, an weltbewegende Wichtigkeit, an hundertausend biografische Details
bemerkbar macht, dringt er dann unvergesslich tief ein. Und in diesen
Augenblicken steht fest: Er wird uns nie verlassen.


Bob Dylan in Bad Reichenhall 2001 - Bootlegcover