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Bob Dylan unterbrach am Mittwoch seine
endlose Reise, um in der Alten
Saline in Bad Reichenhall für einen Moment die Welt
anzuhalten.
. . . also dieses Mal Bad Reichenhall. Und wenn Sie das
gelesen haben, hat er
bereits Udine hinter sich gelassen und zieht nach La Spezia,
dann nach
Pescara, Anzio . . . Bob Dylan reist, macht alle paar Tage
Halt. In Orten, die
nichts bedeuten, packt er seine Gitarre aus, geht auf die Bühne,
reist durch
seine Lieder, geht weiter. Keine Anstrengungen macht der 60-Jährige
dabei,
um schön zu klingen, gar tiefsinnig. Er erzählt und wir hören
zu. Und es hat den
Anschein, als wäre ihm beides gleichgültig.
Dabei gibt es keinen triftigen Anlass für ihn, sich auf den
Weg zu machen. Er
ist reich. Er ist berühmt. Er wird - in Jahren gemessen -
alt. Genug Gründe, an
Ort und Stelle zu bleiben. Doch diese Gründe haben keine
Bedeutung, auch
wenn die Motive der Fahrt irrational sind.
Dylan singt ununterbrochen, weil er so einem übermächtigen
Erbe, einer zu
Orden und Auszeichnungen gewordenen Verehrung, entfliehen
kann. Nichts ist, wie es ist, ließ er schon bei den
zahlreichen Wandlungen im Lauf seiner
40-jährigen Karriere erahnen. Nun schenkt er Gewissheit. Er
taucht da und dort auf wie die mythologische Gestalt des Great
American Whale. Er bläst. Und alle Blicke richten sich auf
ihn. Hinfahren. Wieder eine Chance, ihm nahe zu kommen, mit
ihm vielleicht endlich fertig zu werden. Doch zu fassen kriegt
ihn niemand.
Dylan unterwirft sich nicht den Reglementierungen und dem
rationalen
Verhalten der Pop-Zivilisation. Für ihn existieren keine
festgelegten
Ablaufpläne. Er folgt einem verwirrenden, bestenfalls
geographisch
nachvollziehbaren (Tour-) Plan, der ihn kreuz und quer durch
das Land führt.
Wie ein Landstreicher mit Gitarre, ein Vagabund voller
Melodien streift er
herum. Ortlos lebt er.
Ein Ortloser, der Heimat im Werk findet
Heimat ist ihm sein Werk, das er wild durcheinander wirbelt,
neu definiert,
umkrempelt, unterläuft. Er sägt an Hymnen, Liebesliedern,
poetischen
Glanzstücken, die ihm längst entrissen sind, die aufgenommen
wurden in das
große Liederbuch der Welt. Und er sägt und nörgelt, dreht
und verfremdet sie
so lange, bis sie wieder ihm allein gehören. Nomadentum in
seiner Ausprägung
als zerstörende Macht, die zivilisatorische Normen, zum
allgemeinen Konsens
gewordene Gesetzmäßigkeiten, aus Klischees geborene
Erwartungshaltungen
zertrümmert, demonstriert Dylan.
Freilich mögen auch Streunen und Herumziehen Alltag werden.
Sie bergen
allerdings Abenteuer und Neugier, halten die Augen offen für
einen befreienden Blick - vor allem auf das eigene Tun.
Wer Dylan auf seiner seit Ende der 80er Jahre laufenden Never
Ending Tour
sieht, wird Kiebitz einer öffentlichen Verhandlung des
eigenen Werks. Als
Hinrichtung und Freispruch kann sie enden. Hier liefert sich
einer der Gunst
oder der Verdammnis des Augenblicks aus - und zwar einer, dem
schon vor 40 Jahren die Ewigkeit gehörte. Die
Schonungslosigkeit, mit der Dylan die rastlose Fortschreibung
eines ewigen Materials betreibt, raubt den Atem. Ausgewählt -
so macht es den Anschein - wird nach Lust und Laune, nach dem
Wohlbefinden beim Aufstehen, nach dem ersten Blick aus
irgendeinem fremden Hotelzimmer. Wohin wir heute Abend
aufbrechen, entscheiden die Eindrücke des Tages.
Er schöpft dabei aus dem vielfältigsten und
einflussreichsten Werk eines
einzelnen Künstlers in der Rockgeschichte. Aus rund 600
Songs, die nie in
langer Studioarbeit eingespielt, sondern meist hingeworfen,
als Vorläufigkeit
aufgenommen wurden, kann er sich bedienen. Es erübrigt sich
die Frage nach
einer aufschlüsselbaren Struktur des Programms für einen
einzigen Abend. Wer am Mittwoch im Hof der Alten Saline dem
nasskalten Wetter trotze, erlebte einen solchen Entwurf live.
. . . also dieses Mal Bad Reichenhall. Die Songs selbst halten
dann ebenso
wenig still, wie es Dylan tut. Ruhelose Neuinterpretierungen
raunzt er hin.
Dylanologen spornt das zu interpretatorischen und vor allem
statistischen
Hochleistungen an. Alles vergeblich. Vielleicht noch
tabellarisch aufzuzeichnen,
sonst aber jeder Deutung entzogen, spielt Dylan einfach drauf
los.
Absolute Verweigerung jeder Erwartungshaltung
Mit drei Ausnahmen entstanden die Songs dieses Abends vor 1973
- und sind
doch nicht alt, nicht einmal tausendfach gehörte Zugaben wie Like
A Rolling
Stone, Knockin' On Heavens Door oder die Mutter aller
Dylan-Songs Blowin' In The Wind haben Patina angelegt.
Klassisch programmatisch eröffnet er mit einem Traditional: Hallelujah,
I'm
Ready To Go, in dem es heißt: "On a highway heading
down below/I let my
savior in and he saved my soul from sin". Hier fomuliert
er - mit einem Griff in
die Schatztruhe musikalischer Tradition Nordamerikas - die
Befreiung nicht nur von allzu menschlicher Last, sondern von
der Vereinnahmung als Pop-Gottheit, als einflussreich(st)er
(Pop-) Künstler. Seinen Weg lässt er seit langem von diesen
Kategorien wegführen. Er verweigert sich jeder
Erwartungshaltung. Irgendwann an ein paar freien Tagen
entstand das Album Love an Theft (erscheint im
September). Von irgendwann und irgendwo scheinen auch die
Songs zu kommen. Lakonisch, unsentimental, geradezu mit
gespenstischer Ortlosigkeit erzählt die Stimme. Einem
fahrenden Sänger gehöre ich, sagt sie. Einem, der wie ein
Straßenmusiker im Anzug eines Südstaatenpredigers
daherkommt. Nach To Ramona eine atemberaubend nebensächlich
hingeworfene Version von Desolation Row. Dann ein zähes
Maggie's Farm, ein uferloses Million Miles . . .
Most Likley You Go Your Way (And I'll Go Mine); It's All
Over Now, Baby Blue; A Hard Rain's A-Gonna Fall; Don't Think
Twice, It's All Right; Tombstone Blues; das seltene You're
A Big Girl; Drifter's Escape; Rainy Day Woman #12 & #35.
In jede Nummer wird von Dylan und seinen vier Begleitern nach
ein paar Stimm-Zupfern an der Gitarre hineingerumpelt.
Daraus wachsen zur scharfen, nasalen Stimme in weiter Ferne
klingende,
krächzende Blues-Variationen oder polternde Country-Rocker
oder zu breiten Flüssen verschleppte einstmalige Stampfer.
Das Erkennen wird schwer
gemacht. Die Neuformung dient eben auch der Verschleierung,
dem
Verstecken. Hier bekommt niemand einen Hit, wie er ihn seit
ungefähr tausend
Jahren kennt, auch wenn zumindest zwei Drittel der Songs des
Abends zum
pophistorischen Allgemeingut zu zählen sind. Hier bekommt
jeder raue,
authentische Jetztundnurjetzt-Versionen von Liedern, für die
Dylan
entschieden hat, dass sie sich ständig bewegen müssen, um am
Leben zu
bleiben, eben weil sie - wie der Schöpfer selbst - zum
pophistorisch
verallgemeinerten Gut zu zählen sind.
Ein Risikoabend, der Fehler und Längen birgt
Dylan agiert bei seiner Reise ohne Netz. Dieses Risiko birgt
die Gefahr von
Fehlern, von Längen, von Nachlässigkeiten. Und es birgt die
Verstörung jener,
die der Verwandlung seines Werkes nicht folgen (wollen). Weil
er sich der
Gefahr der täglichen Erneuerung, der ständigen Verfremdung
aussetzt, lässt er
aber Sternstunden passieren. Wie etwa die Reichenhaller
Versionen von
Desolation Row und ein knallhartes All Along The Watchtower,
ein in die Nacht fliegendes Don't Think Twice, It's All
Right und eine dreckig verschlafenes Drifter's Escape.
In diesen Momenten, wenn er sich gehen lässt, wenn er wirkt
wie ein
Reisender, für den Start und Ziel ihre Bedeutung verloren
haben, der
stattdessen die Bewegung als eigentlichen Ankunftsort
verstanden hat, dann,
wenn Dylan ganz bei sich ist, ist er auch bei uns. Bei jedem
Einzelnen, für
jeden Einzelnen singt er - wo auch immer und wie groß auch
immer die Menge
sein mag, der er entgegenblickt. Dann spricht er nur zu mir.
Dann formuliert er
Sätze nur für mich. Ohne dass sich eine übermächtige
Erinnerung an legendäre
Alben, an weltbewegende Wichtigkeit, an hundertausend
biografische Details
bemerkbar macht, dringt er dann unvergesslich tief ein. Und in
diesen
Augenblicken steht fest: Er wird uns nie verlassen.
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