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Bob Dylan in Aschaffenburg 1995


Aschaffenburg  1995
Frankfurter Runschau
von
Martin Scholz


Und er bewegt sich doch
Like a Rolling Stone: Ein neuer Bob Dylan in Aschaffenburg

Bob Dylan kann nicht tanzen, aber er wagt es trotzdem - im Zeitlupentempo schwebt er träge zwischen seinen Musikern hin und her. Ein merkwürdiger Kontrast. Die unbeholfenen Bewegungen des in die Jahre gekommenen Rock - Poeten passen gar nicht zu dem furiosen Rhythm´n Blues seiner exzellenten Band. Wen kümmert ´s: Dylan bewegt sich, und das allein ist seinen Fans in der Aschaffenburger Unterfrankenhalle einen Applaus wert. Den hat der 53jährige auch verdient, denn heute abend singt er so deutlich, dass man ihn sogar verstehen kann und greift in die Saiten, als hätte er gerade in einer jugendlichen Garagenband angefangen.

Nein, soviel Verve hätte man dem eigenwilligen Barden nicht mehr zugetraut. In den vergangenen Jahren hat Dylan selbst treue Anhänger, die an seine Formschwankungen gewöhnt waren, mit lustlosen Konzerten vergrault: Da nuschelte er nur noch vor sich hin und verwurstete seine Hits so erbarmungslos, dass sie niemand mehr hören wollte. Dieser mürrische Mann schien seine Songs, das Publikum und auch sich selbst nicht mehr zu mögen. Aber The Times They Are A Changin´ - und auch die Launen des Bob Dylan können sich (immer noch) ändern.

In Aschaffenburg geht er mit seiner vierköpfigen Band auf die Bühne und verzaubert das Publikum mit einer liebevollen Hommage an das eigene Werk. Mit der Stratocaster und der Mundharmonika um den Hals rockt und rollt er sich durch seine mehr als 30jährige Musikgeschichte und hat sichtlich Spass daran. Die famose Bass - Schlagzeug - Fraktion untermauert die Rückschau mit ihren pumpenden Beats, die beiden Gitarristen spielen sich die Soli nur so zu und erlauben es sich, die betagten Klassiker mit ein paar rauhen Riffs aufzupeppen. Doch wenn den Saitenkünstlern das Temperament durchgeht, mischt sich der Meister ein - und spielt sich bei Tangled Up in Blue mit einem schrägen Solo wieder in den Mittelpunkt.

Die Menge tobt, doch es kommt noch besser, als die E - gegen die
Akustik - Gitarren ausgetauscht werden. Dylan ,,unplugged". So hatte er (lang ist´s her) vor 34 Jahren angefangen, und so hören ihn  seine Fans immer noch am liebsten. Als er mit seiner näselnden Stimme einmal mehr
Mr. Tambourine Man bittet: ,,Play a song for me" sind sie alle hin und weg: So zärtlich klang Dylan schon lange nicht mehr. Und zur Zugabe gibt er ihnen das, worauf sie alle gewartet haben: eine ruppige Version von
Like A Rolling Stone. Da steht er dann, die Arme hochgerissen zu einer seltsamen Erlöserpose und singt die Zeilen, die jeder in der Halle kennt:
,,How does it feeeeel?"

Wunderbar.


Bob Dylan in Aschaffenburg 1995