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Tourplakat Offenbach 1991


Offenbach 1984
Alles in Allem
von
Walter Liederschmitt

Günter Amendt

All Along The Watchtower  zum Zweiten

Heute fahren wir zum Dylan-Konzert nach Offenbach. Nachdem man in den
letzten Wochen so gut wie nichts erfahren hat, was er eigentlich Neues macht.
Und wie er es macht. Nach dem ersten Auftritt in der Bundesrepublik, am 
31. Mai in Hamburg ( 16.000 im St. - Pauli - Stadion ), stand in der Zeitung, 
z.B. der ‚Frankfurter Rundschau‘ (6.6.), dass er eine ganze Reihe seiner alten
Bestseller, dem Publikum zu Gefallen wieder in musikalisch neuen Verpackungen
serviert, melodiöser und gefälliger geworden sei und z. B. Masters Of War
diesmal auf Soft - Rock getrimmt habe. Na ja, wenn er's überhaupt mal wieder
spielt! Er wünsche sich auch nicht gerade Pershing-Raketen in seinem Vorgarten,
hat er auf einer Pressekonferenz in Hamburg gesagt. Aber politisch einordnen
lässt er sich nach wie vor nicht.

Am 3. Juni hat er sich in München präsentiert, wo auch Udo Lindenberg mit
aufgetreten ist. Und wir werden ihn heute hören. Wolfgang und Claudia sind 
extra von Trier hergetrampt, sogar unsere Mutter ist mitgekommen. Die hat 
Dylan und die Baez zu Hause jahrelang mit halbem Ohr mithören müssen, jetzt 
will sie's doch mal genauer wissen.

Wir fahren um halb 11 Uhr los und hoffen, dass uns am Frankfurter Kreuz kein
Stau erwartet. Nach Nürnberg (1978) und der Loreley (1981) jetzt also
Offenbach. Was uns da nur wieder hinzieht? Was ist bloß an diesem Typen dran,
dass er nach all den Jahren immer noch diese magische Anziehungskraft hat? (...)

Nach Offenbach kommen wir ungehindert rein. Kurz nach 12 Uhr parken wir 
am Waldpark, dicht am Stadion Bieberer Berg. Was haben wir alles
mitgebracht: Stühlchen und Kissen und einen Riesenschirm, den wir je nach
Wetter als Regen - oder Sonnenschirm benutzen werden. Ein Hauch von Campingfamilie. Wir pilgern durch ein Wäldchen Richtung Stadion und begegnen
dauernd irgendwelchen Freaks, die von da wegzugehen scheinen. Wieso denn
das? Erst als wir in einer der Menschentrauben um die Eingänge drinstecken,
lesen wir das Schild: keine Dosen, Gläser, Flaschen, keine Aufnahmegeräte und 
Video-Kameras und schon gar keine Waffen dürfen mit hineingenommen
 werden! Ach ja, bei den Fans der Offenbacher Kickers und Gästen  (nicht
Gegnern) aus der Bundesliga (aus der sie gerade abgestiegen sind) musste man
eben aufpassen. Aber dass es bei so einem Konzert Streit und Scherben geben
könnte, ist doch ziemlich unwahrscheinlich. Doch die Ordner an den Eingängen
durchwühlen alle Beutel, Taschen und Kühlboxen und lassen jede Coladose, Bier-, Limo- oder Weinflasche kommentarlos in einer Mülltonne verschwinden.
Eine böse Überraschung für manche Ausflügler, die statt ins Freibad oder ins
Seufzerwäldchen schließlich doch noch hierher gekommen sind. Trotz 28 DM für
die Tribünenränge und 38 DM für den Innenraum. Wir überlegen ganz schnell,
dass wir unseren guten Tropfen von der Mosel so nicht opfern werden, und
ziehen uns erst mal wieder in die Büsche zurück, um die erste Flasche Wein zu
leeren. Dann verstehe ich auch, was die ganzen Freaks da noch im Wald zu tun
haben: Die vergraben ihre Getränke! Das haben wir dann auch gemacht. Und rein
ins Gedränge.

12.30 Uhr und im ganzen Innenraum kaum ein guter Sitzplatz (besser: Hockplatz)
mehr zu haben. Auf dem Fußballfeld, dessen Rasen mit riesigen Planen abgedeckt ist. Wir drücken uns in der vorderen Hälfte zur Bühne hin, haarscharf
an einem Gerüst mit den ganzen Mischpulten vorbei, und hocken uns da irgendwo mit ran, zwei von uns ständig etwas weiter vorn, unser Vorposten
sozusagen, um bessere Fotos zu schießen, und wenn man sich so nach und nach
da etwas breiter gemacht hat, kann man vielleicht auch mal seine Beine
ausstrecken. Ich schaue mich um und sehe auch die Ränge schon ziemlich
weit besetzt. Und wie die Sonne runterknallt und einige sich einen ganz schönen
Brand holen! Also gibt's auch für zwei, drei Mark was zu trinken, in ungefährlichen Plastikbechern, zur größeren Umweltverschmutzung, versteht sich.
Und Wurst und Steaks und Biokost, dass man sich mit was eindecken kann.
Über 35.000 Leute sollen ja schließlich da gewesen sein. Um Viertel vor zwei
geht's los. Fritz Rau, der Veranstalter, hat wieder mal ein besonderes
Musikfest ausgeheckt. Den Anfang machen die aufstrebenden
Lokalmatadoren, die Rodgau Monotones. Erbarmen! - zu spät! Die Hesse'
komme'! Und haben gleich Volle Lotte losgepowert. Viele Fans kennen die
Lieder schon und gehen voll mit. Es sind ein paar erfrischend flotte
Songs dabei:"Frach mich net  ( wie's mer geht )" oder "St. Tropez am
Baggersee". Und das Publikum lässt sie nicht so schnell ziehen.

Abräumpause. Die Sonne brennt immer mehr. Die Musiker spielen immerhin im
Schatten des über 10 m hohen Bühnenkastens. Plötzlich wird Joan Baez angesagt. Da springen fast alle auf: Das wollen sie aber genau sehen! Tatsächlich,
die Baez ! Sie begrüßt das Publikum auf deutsch und wird etwas langsamer
englisch sprechen, bei den Zwischenansagen, damit man sie besser verstehen'
kann. ME AND BOBBY McGHEE ist ihr erstes Lied. Ihre klare, weittragende Stimme (die nur in den Höhen manchmal unangenehm vibriert,
wenn sie etwas zu dick aufträgt ) und eine sauber gepickte, voll klingende Gitarre
- das genügt! Sie hat das Publikum von Anfang an in ihrer Gewalt. THE ROSE aus dem Film über Janis Joplin folgt. Und - natürlich - der alte Dylan-Song
LOVE IS JUST A FOUR-LETTER WORD, ein Lied, das Dylan selbst nie auf
Platte aufgenommen hat. Aber es spielt an auf seine einmal ganz intime Beziehung
zu Joan Baez, vor 20 Jahren, die auseinanderging, als er Sarah kennenlernte. Zehn Jahre mit Sarah verheiratet, fünf Kinder - und
schließlich doch geschieden. Erst dann, 1975/76 ging er ja wieder mit Joan Baez
zusammen auf Tournee. Hier in Offenbach singt sie von "Memories of times that
were good", und dann, für alle politischen Gefangenen in der Welt, speziell für
Sacharow und seine Frau in Gorki, das Gospel-Lied OH FREEDOM. Und für
die Kinder der 80er Jahre, die den tollen 60ern nicht nachtrauern sollen,
sondern,'  erwachsener geworden, die 80er zu was noch besserem machen
könnten: WE ARE THE CHILDREN OF THE EIGHTIES, HAVEN´T WE GROWN ? Und darin die beziehungsreiche Zeile: "We don't care if Dylan's back
from Jesus!" Ob der von seinem Jesus-Trip inzwischen schon wieder zurück ist,
das kann uns Schnuppe sein! Da dachte ich schon, wenn er das hinter der Bühne
gehört hat, hoffentlich kann er so‚ nen Seitenhieb vertragen! "... if Dylan's gone to
Jesus" sang sie noch auf ihrer letzten LP ‚Children of the Eighties‘, so auch in
dem Konzertfilm "Künstler für den Frieden": Sag NEIN!‘ von Stefan Aust, von
einem Großkonzert in Hamburg am 31. Sept. 1983  (mit Belafonte, Biermann, Degenhardt, Wader, Wecker, Bots und Udo Lindenberg, 
Gianna Nannini, Maria Farantouri, Liederjan und dem US-Indianer Floyd
Westerman u.v.a.). NO WOMAN, NO CRY und WOZU  SIND KRIEGE DA?,
auf deutsch, von Udo Lindenberg, sind die nächsten Lieder der Baez. Dass sie
hier öfters mal auf deutsch singt, wie auch schon auf den letzten zwei Live - LPs,
dankt ihr das Publikum mit Extra-Beifall. Und dann: Dylans A HARD
RAIN'S A-GONNA FALL
, von der Kriegsgefahr, die vor 20 Jahren auch
schon bestand. Und heute, wo das Bewusstsein für den sauren Regen da
ist, kann auch der damit gemeint sein. In der letzten Strophe imitiert sie Dylans
Stimme, unüberhörbar, sie zieht die Töne, ganz heiser und schief, und das
Publikum lacht, hat sehr wohl verstanden - und Dylan auch? Oh weh, wenn er
das mitgekriegt hat! Eine kleine Parodie, wie die Baez sie sich in früheren Jahren
schon öfters geleistet hat (z.B. mit YOU AIN'T GOIN' NOWHERE), aber an 
einem Nachmittag, da Dylan selbst noch auftreten soll, nicht gerade taktvoll. Da
glaubte ich schon nicht mehr, dass die beiden heute überhaupt noch was
zusammen singen würden. In Hamburg, hatte man gehört, machten sie lediglich
BLOWIN' IN THE WIND, ziemlich lustlos und verkrampft, und schienen sich
ansonsten so ziemlich aus dem Weg zu gehen. Mit dem BOXER von Simon &
Garfunkel  will die Baez aufhören: LaiLaLai... Da singt das Publikum aber kräftig
mit und sie muß nochmal zurückkommen. SIND SO KLEINE HÄNDE von
Bettina Wegener, kommt sogar noch besser an. Und dann ihr Lied  über Sacco
und Vanzetti: HERE'S TO YOU, NICOLA AND BART - danach wird sie noch
einmal rausgeklatscht für SAG MIR, WO DIE BLUMEN SIND; und zu allerletzt
kommt sie auch ohne Gitarre aus und singt im Duett mit dem schwarzen Lead -
Sänger von Santana das Soul-Stück LAND OF 1.000 DANCES: Nah nanana
na... So kann das Publikum gar nicht genug von ihr kriegen! In den USA hat sie es dagegen viel schwerer, inzwischen. Keine Schallplattenfirma interessiert sich
für sie, beklagte sie sich im jüngsten ‚Stern‘ - Interview (Nr.23 vom 30.5.1984):
‚Ich glaube, ich bin für die meisten Amerikaner ein fürchterliches Sprachrohr aus
den sechziger Jahren, an das sie nicht erinnert werden möchten.‘ Im Amerika
Ronald Reagans -  ist das schlechte Gewissen wegen dem Vietnam-Krieg erst
mal verflogen - fühle sie sich eher wie ein Bürger zweiter Klasse behandelt.
Dieses große Ding, das in den Sechzigern losging, sei heute greifbarer in Europa,
vor allem wegen der Atomfrage.

Längere Umbaupause. Das ganze Trommelsortiment von ‚Santana‘ wird auf die
Bühne getragen. Das verspricht ein heißer Gig zu werden. Die Sonne strahlt
derweil etwas verhaltener. Einige Wolkenbänder flattern über den Himmel. Es
könnte sogar Regen geben. Aber man ist erst mal froh, dass die Sonne nicht mehr so sticht. Carlos Santana und seine Leute legen dann im altbewährten Stil
los.Der unverwechselbare Sound, die meisten Nummern ineinander übergehend
oder miteinander verwoben, die wechselnden Soli zwischen Carlos und seinen
drei Handtrommlern, besonders herausragend die wunderschön nachempfundenen Melodievariationen zu dem spanischen Klassiker ‚IN DEN
GÄRTEN VON ARANJUEZ‘, einer Orchester-Suite, deren langsamer 2.Satz
schon vor vielen Jahren ein Richard Anthony in Frankreich zu dem Chanson-Hit
‚MON AMOUR‘ umgemodelt hat.

Halb 7 Uhr inzwischen. Jetzt kann nur noch Dylan kommen. Aber man läßt sich
mit dem Ab- und Aufbau Zeit. So sehr, daß um 10 nach 7 herum die Rufe und
Pfiffe immer stärker werden. Aber dann kommen Dylan und seine vier Musiker -
relativ kleines Aufgebot diesmal - hinter dem Vorhang vor, nach vorne. 

Er im dunklen Nadelstreifenanzug, einen weißen Seidenschal um den Kragen
geschlungen, grell-weiß angestrahlt, sein Gesicht wie bei einem Clown geweißt,
keine Sonnenbrille (!) - ein paarmal auf der Gitarre geschrappt, ein kurzes
Zunicken und ab geht's: HIGHWAY 61 REVISITED. Sie mal an, die Reise geht
also erst mal 20 Jahre zurück! Gott sprach zu Abraham: Töte mir einen Sohn! ...
Dann was Neues: JOKERMAN. Man gewöhnt sich daran, man erinnert sich:
‚It's a shadowy world, skies are slippery grey...‘ Mick Taylor an der Solo-
Gitarre, der neben Mark Knopfler schon bei der LP ‚Infidels‘ dabei war, steht
so'n bißchen abseits. Daß der Sound von Anfang an etwas an die Power der
‚Rolling Stones‘ erinnert, bei denen Mick Taylor ja in den 70er Jahren aktiv war,
liegt aber nicht so sehr an ihm,  als an den hervorragend kooperierenden Collin
Allen an den Drums, Gregg Sutton am Baß und Ian McLagan an den
Keyboards. Ein satter Rock-Sound ohne viel Firlefanz, der Dampf macht, wie bei Dylan schon lange nicht mehr. ALL ALONG THE WATCHTOWER: Es muß
hier doch einen Ausweg geben ... Dylan mit Mundharmonika - Solo, etwas
schlaff und ratlos, mehr so zufällig drauflosgeblasen; erst beim nächsten, 
JUST LIKE A WOMAN,
paßt die Mundharmonika schon besser. Und seine
Stimme ist härter und gröber als sonst. I ain't gonna work on MAGGIE'S FARM
no more.(Was das Publikum in London und Dublin demnächst wohl
denken wird? Maggie Thatchers Anti-Hymne ...) Ganz flott und schmissig
stampft die Band voran. Dann das neuere I AND I, schwer atmend, rockig, viel
knalliger als auf der Platte, erst im Nachspiel läßt Mick Taylor das Lied sehr fein
und dosiert ausklingen. LICENSE TO KILL, hart und schrill, wie der Mensch
sich die Natur untertan gemacht hat. So ein Unverstand! Dylan schreit es
geradezu heraus. Heartbreaker, backbreaker - und kein Stein bleibt unbewegt.
Oh Gott, hat der geschrien! So engagiert hab' ich ihn noch nie (auch 78 nicht)
gehört. Und dann das erste‚Thank you‘ ans Publikum. Kein einziges Wort bis
dahin. Keinen ‚Guten Tag‘ und keine Ansagen. Kein Kommentar. Nichts. Nur die Lieder für sich. ‚Er kümmert sich nicht um das Publikum‘, sagte Joan Baez
zum ‚Stern‘ (Nr.23/84). Das sei ihm wurscht. Er macht nur seine Musik, er
schreibt, was er will, und er macht es so, wie er gerade Lust hat.

Dylan kündigt seinen Bassisten Gregg Sutton an, der gleich einen  Song, 
JUST IN MY IMAGINATION, vortragen wird. Dann kommt er nach 5 Minuten
zurück und wird erst mal solo weitermachen: DON'T THINK TWICE, ein
auffällig runder Hall auf der akustischen Gitarre, rhythmisch gespielt, die übliche
Mundharmonika. Ein alter Hit, den jeder kennt. Nicht aber das nächste, TANGLED UP IN BLUE. Gequälte Töne, Seufzer mit der Mundharmonika,
zum Gänsehaut kriegen. Ganz schön mutig, dass er das so allein hier vorträgt. Für
diese verworrene Story, aus der niemand so recht schlau wird, muss man Geduld
haben. 
 ...
Und dann ein Höhepunkt: lT'S AL RIGHT, MA - I'm only sighing ... Wow!
Wieviel Power man mit einer einzigen Gitarre doch losmachen kann! Er singt die
Endzeilen der Strophen diesmal eher verhalten, nicht wie 1974 Before the Flood,
als er es wild hinausbrüllte: Even the President of the United States sometimes must have to stand naked! Aber auch heute ist diese Zeile beim Publikum gut 
angekommen. Man hat verstanden!

Viertel nach 8: Die Bandmitglieder kommen wieder. IT'S ALL OVER NOW, BABY BLUE: Zünde ein neues Hölzchen an, fang noch mal von vorne an (Strike
another match, go start anew)! Wie lange hat er das nicht mehr live gespielt! Und
MASTERS OF WAR ebenso selten (zuletzt in Nürnberg 1978 ) - diesmal in einer
aufwühlenden, bitter- aggressiven Rock-Version: Die diese Kriege immer noch
anzetteln, werden dem Jüngsten Gericht nicht entgehen ( punished on Judgement
Day), so wandelt er seinen Text leicht ab. Und das wilde Nachspiel von Mick Taylor klingt schon eher nach flammendem Protest als die melancholisch - monotone Grundmelodie. BALLAD OF A THIN MAN: Da passiert etwas - was
das wohl ist? Denn Mr. Jones begreift es nicht ...  Dass ausgerechnet da ein
Schild hochgeht mit "Jesus is real love" und jemand im Publikum immer wieder
nach Solid Rock schreit! Stattdessen bringt Dylan den MAN OF PEACE, der
keiner ist, der Satan in Jesu Gestalt. Das Jesus-Schild bleibt aber oben. Die Leute
würden jetzt für alles, egal was, Beifall klatschen. Joan Baez zum ‚Stern‘: ‚Was
heute geschrieben und gekauft wird, das wird gehört, um abzuhauen, um
auszusteigen, um nicht nachdenken zu müssen, was vor sich geht.‘ Die 
Jesus-People oder  wer sich dafür hält sind den ganzen Tag schon sehr aktiv
gewesen und haben Faltblätter verteilt, um den Leuten ihre Message
unterzujubeln: Auf einem prangt groß der Name Joan Baez und der Titel eines
Spiritual-Songs, den sie irgendwann mal gesungen hat: PUT YOUR HAND ... (‚in the hand of the man from Galilee‘) auf einem anderen: GIVE PEACE A CHANCE - da soll man wohl gleich an John Lennon denken und zugreifen. Was
man aber zu lesen kriegt, in beiden Fällen, ist ein und dasselbe abgedroschene
Gefasel von einem Leben auf dem Boden der Realität (!) - ‚an der Hand Jesu
Christi‘. Ein Zitat: ‚Daß dies keine frommen Phrasen sind, sondern Realität ist, können wir bezeugen! Seitdem wir Jesus Christus ganz persönlich kennengelernt
haben .. Bob Dylan ist alldem gegenüber wieder viel skeptischer geworden. Er 
hat sich heute mit seinen religiösen Songs der letzten Jahre sehr zurückgehalten.
Nur mit EVERY GRAIN OF SAND legt er dann doch noch sein sehr allgemein
gehaltenes Glaubensbekenntnis ab, bevor er mit LIKE A ROLLING STONE zu
einem rauschenden Schluss kommt, die vier Mitmusiker namentlich vorstellt und
wenigstens noch ‚Good night‘ sagt. Sonst hat er die ganze Zeit über nicht ein
persönliches Wort an die Menge gerichtet. So was von abgehoben und arrogant (könnte man meinen) 
...

Es ist viertel vor 9 Uhr. Die Leute müssen über 4 Minuten lang um eine Zugabe
klatschen. Dann kommt Dylan nochmal solo heraus und singt IT AIN'T ME,BABE. Ich muss wieder an Joan Baez denken. Ich bin sicher, die zwei haben
ganz dicken Knatsch miteinander (‚Everything inside is made of stone‘). Und 
MR. TAMBOURINE MAN  solo! Ein wunderbarer Abschluß in der benddämmerung (Yes to dance beneath the diamond sky with one hand waving
.....). Die Wolken haben sich verflogen und es hat nun doch nicht geregnet. Damit
nicht genug: Auch die Band kommt nochmal zurück, mit LOVE MINUS  ZERO/NO LIMIT, so zärtlich und lieb, als würde er für seine Liebste ewig jung
bleiben. FOREVER YOUNG (so seine Hymne der 70er Jahre, die er hier aber
nicht vortrug) ist schließlich auch das Motto dieser Europa-Tournee. Um viel Geld wird es dabei auch gehen, wenngleich bei seinen fünf Auftritten in
Deutschland erst mal 120.000 Tickets verkauft werden müssen, damit was bei
rumkommt (Stern 23/84). Und zudem trägt Dylan das Risiko mit und ist lediglich
an den Einnahmen beteiligt. ‚Daddy's in the alley, he's looking for food.‘ Carlos
Santana hilft ihm dabei: Für den TOMBSTONE BLUES steigt er zum Finale mit
ein und bringt auch seine drei Conga-Spieler mit! Ein Song über ‚Love (is hard to
find)‘ und THE TIMES THEY ARE A-CHANGIN werden raffiniert mitbegleitet.
Und da sie alle so guter Laune sind, zuguterletzt ALL ALONG THE 
WATCHTOWER
zum zweiten Mal, mit Carlos Santana und Mick Taylor jeweils
Solo-Gitarre, die 1.Strophe von Dylan nochmal drangehängt und dann
schmetternder Trommelwirbel der Santana Rhythm Group zum Ausklang. Eine
wahnsinnig gute Stimmung! 5 vor halb 10 Uhr. Ende. Das war's. Rundherum
strahlende Gesichter. Er hat es mal wieder gepackt, den Bann zu lösen und
Laune zu machen. Laune auf morgen und übermorgen. (I AND I, you and .....‚)
I've made shoes for everyone...

Später sitzen wir noch etwas benommen im Gras am Waldpark, haben unseren
Wein ausgegraben und schlucken den Rest von Blues mit weg. Cheers, Bobby!
Du hast ja wieder ganz schön schief gesungen, geheult und gekrächzt, auf 'ner
Schallplatte wär' mir das unerträglich, aber im Eifer des Augenblicks meint man,
es sei so gerade richtig gewesen.


Tourplakat Offenbach 1991