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Hallenstadion Zürich



Leipzig 2007
Arena

Wiglaf Droste


Odysseus der Moderne

Bob Dylan und seine Band spielten in der Leipziger Arena – wie immer entwischte er seinen Interpreten

Von Wiglaf Droste
Es war eine kurze Angelegenheit am Abend des 2. Mai. 75 Minuten spielten Bob Dylan und seine Band in der Leipziger Arena und legten noch eine Zugabe drauf – dann war die Messe gelesen. Möglicherweise waren einige Fans enttäuscht, daß Dylan nur knapp anderthalb Stunden für sie arbeitete; das Konzert war ohnehin keine ekstatische, aber eine höchst präzise Angelegenheit. Dylan und seine fünf Musiker, die in weinroten Anzügen antraten, präsentierten vor allem Stücke des Albums »Modern Times« aus dem Jahr 2006 – also jene alte Musik, die den jungen Bob Dylan prägte, die er liebt und die er für heutige Zeiten adaptiert. Bei manchen Stücken swingten die sechs Männer wie eine Bande Großväter zur Diamantenen Hochzeit, abgehangen und perfekt. Man hört, daß Dylan und seine Leute seit Jahren zusammenspielen, der Sound ist komplex und brillant – und damit exakt das Gegenteil der friedensliedkitschigen Lagerfeuerromantik, die Ahnungslose immer noch hartnäckig mit Dylan assoziieren.

Vor 45 Jahren veröffentlichte Dylan sein erstes Album, seit 20 Jahren lebt er unterwegs, auf »never ending Tour«, und immer ist Dylan Gegenstand größter kultischer Verehrung. Vertreter nahezu aller gesellschaftlichen Gruppen versuchten, Dylan für eigene Zwecke zu vereinnahmen. In den sechziger Jahren waren es vor allem die Linken, die Dylan als ihre Galionsfigur ausgaben. Beim größten Spektakel der Weltheilungsstrategen, dem Woodstock-Festival, spielte Dylan allerdings nicht mit – der verlogenheitstriefende Massenaufmarsch war für den Sänger nichts als ein »neuer Markt für gebatikte Hemden«.

Seit einigen Jahren haben die Konservativen Dylan für sich entdeckt und scheuen keine Mühe, um Dylan als einen der ihren auszugeben. Im Frühjahr 2007 hat auch der Germanist Heinrich Detering ein Buch über Dylan vorgelegt (bei Reclam); zwar gab es über Dylan schon beinahe so viele Bücher wie Sterne am Firmament, doch noch keines von Heinrich Detering, und das geht nicht, denn der Germanist, Theologe, Skandinavist und Philosoph Detering sammelt Meriten und legt größten Wert darauf, daß alle Welt davon Kenntnis hat.

Das alles war und ist Heinrich Detering nach eigener Aussage: Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Direktor des Zentrums für komparatistische Studien in Göttingen; Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft; Gastprofessor an der University of California/Irvine, an der Universität Aarhus, an der Universität Bergen und »Paul Celan Fellow« an der Washington University, St. Louis; Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Mitglied ihres Erweiterten Präsidiums; Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften, der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz; Mitglied im Vorstand der Thomas-Mann-Gesellschaft sowie in den Jurys für den Kleist-Preis, den Thomas-Mann-Preis, den Büchner-Preis und die Preise der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, den Lessing-Preis, den Mörike-Preis und den Fallada-Preis. Etwas vergessen? Ach so: Mitherausgeber der neuen Thomas-Mann-Ausgabe ist Heinrich Detering auch noch.

Und so schreibt dieser wichtige Mann über Bob Dylan: »Aus unterschiedlichsten, in einen facettenreichen und endlos variierbaren Personalstil integrierten Traditionen der populären Musik, der Literatur und des Films hat er mit bis jetzt, je nach Zählung, vierzig bis fünfzig Alben, mit Filmen, Gedicht- und Prosabänden künstlerische Ausdrucksformen geschaffen, deren Auswirkungen unabsehbar sind.« Hier hat sich zum galoppierenden Karrieregermanismus der sich aufbauschende Dylanismus gesellt.

Bob Dylan aber beherrscht die Kunst, allen Trittbrettfahrern immer weit voraus zu sein und den aufdringlichen Interpreten jedweder Couleur zu entwischen. Er ignoriert übergriffige, bramarbasierende Intellektuelle wie Detering ebenso wie den peinlichen Nachäffkünstler Wolfgang Niedecken, der seit Jahren vergeblich versucht, Dylan in die Niederungen seiner Kölschkleinkunst zu zerren. Wie ein moderner Odysseus segelt Dylan zwischen Scylla und Charybdis hindurch und bringt jeden Vereinnahmungsversuch zum Scheitern. Von den epigonalen Klimmzügen seiner eigennützigen Verehrer unangefochten und unberührt, macht Bob Dylan eine Arbeit als Song- und Danceman. Und so soll es ja auch sein.


Leserbrief NBU vom 03. 05. 2005:

Hat Oysseus auch gesungen?

Freue mich über jeden guten Artikel,
der einem Musiker oder einem Musikkritiker gerecht wird. Aber ich finde es schofel einen Nebenschauplatz mit ungeliebten Kollegen oder ähnlich mutigen textgewandten Menschen auf Bob`s Bühne einzurichten. Hat man über Bob Dylan´s Musik nicht genug Stoff zu schreiben - schliesslich ist Bob doch schon länger auf Tournee als es der alte Haudegen Odysseus je gewesen war. Und hat der eigentlich auch gesungen? Wenn ja mit wem, welche Songs, mit Harp, kennt man die Musiker, wie gefielen die neuen Arrangements ...


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