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Odysseus der Moderne
Bob Dylan und seine Band
spielten in der Leipziger Arena – wie immer
entwischte er seinen Interpreten
Von Wiglaf Droste
Es war eine kurze
Angelegenheit am Abend des 2. Mai. 75 Minuten
spielten Bob Dylan und seine Band in der Leipziger
Arena und legten noch eine Zugabe drauf – dann war
die Messe gelesen. Möglicherweise waren einige Fans
enttäuscht, daß Dylan nur knapp anderthalb Stunden
für sie arbeitete; das Konzert war ohnehin keine
ekstatische, aber eine höchst präzise
Angelegenheit. Dylan und seine fünf Musiker, die in
weinroten Anzügen antraten, präsentierten vor
allem Stücke des Albums »Modern Times« aus dem
Jahr 2006 – also jene alte Musik, die den jungen
Bob Dylan prägte, die er liebt und die er für
heutige Zeiten adaptiert. Bei manchen Stücken
swingten die sechs Männer wie eine Bande Großväter
zur Diamantenen Hochzeit, abgehangen und perfekt.
Man hört, daß Dylan und seine Leute seit Jahren
zusammenspielen, der Sound ist komplex und brillant
– und damit exakt das Gegenteil der
friedensliedkitschigen Lagerfeuerromantik, die
Ahnungslose immer noch hartnäckig mit Dylan
assoziieren.
Vor 45 Jahren veröffentlichte Dylan sein erstes
Album, seit 20 Jahren lebt er unterwegs, auf »never
ending Tour«, und immer ist Dylan Gegenstand größter
kultischer Verehrung. Vertreter nahezu aller
gesellschaftlichen Gruppen versuchten, Dylan für
eigene Zwecke zu vereinnahmen. In den sechziger
Jahren waren es vor allem die Linken, die Dylan als
ihre Galionsfigur ausgaben. Beim größten Spektakel
der Weltheilungsstrategen, dem Woodstock-Festival,
spielte Dylan allerdings nicht mit – der
verlogenheitstriefende Massenaufmarsch war für den
Sänger nichts als ein »neuer Markt für gebatikte
Hemden«.
Seit einigen Jahren haben die Konservativen Dylan für
sich entdeckt und scheuen keine Mühe, um Dylan als
einen der ihren auszugeben. Im Frühjahr 2007 hat
auch der Germanist Heinrich Detering ein Buch über
Dylan vorgelegt (bei Reclam); zwar gab es über
Dylan schon beinahe so viele Bücher wie Sterne am
Firmament, doch noch keines von Heinrich Detering,
und das geht nicht, denn der Germanist, Theologe,
Skandinavist und Philosoph Detering sammelt Meriten
und legt größten Wert darauf, daß alle Welt davon
Kenntnis hat.
Das alles war und ist Heinrich Detering nach eigener
Aussage: Professor für Neuere Deutsche
Literaturwissenschaft und Vergleichende
Literaturwissenschaft sowie Direktor des Zentrums für
komparatistische Studien in Göttingen; Präsident
der Theodor-Storm-Gesellschaft; Gastprofessor an der
University of California/Irvine, an der Universität
Aarhus, an der Universität Bergen und »Paul Celan
Fellow« an der Washington University, St. Louis;
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung und Mitglied ihres Erweiterten Präsidiums;
Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Mitglied
der Göttinger Akademie der Wissenschaften, der Königlich
Dänischen Akademie der Wissenschaften und der
Akademie der Wissenschaften und der Literatur,
Mainz; Mitglied im Vorstand der
Thomas-Mann-Gesellschaft sowie in den Jurys für den
Kleist-Preis, den Thomas-Mann-Preis, den Büchner-Preis
und die Preise der Deutschen Akademie für Sprache
und Dichtung, den Lessing-Preis, den Mörike-Preis
und den Fallada-Preis. Etwas vergessen? Ach so:
Mitherausgeber der neuen Thomas-Mann-Ausgabe ist
Heinrich Detering auch noch.
Und so schreibt dieser wichtige Mann über Bob
Dylan: »Aus unterschiedlichsten, in einen
facettenreichen und endlos variierbaren Personalstil
integrierten Traditionen der populären Musik, der
Literatur und des Films hat er mit bis jetzt, je
nach Zählung, vierzig bis fünfzig Alben, mit
Filmen, Gedicht- und Prosabänden künstlerische
Ausdrucksformen geschaffen, deren Auswirkungen
unabsehbar sind.« Hier hat sich zum galoppierenden
Karrieregermanismus der sich aufbauschende
Dylanismus gesellt.
Bob Dylan aber beherrscht die Kunst, allen
Trittbrettfahrern immer weit voraus zu sein und den
aufdringlichen Interpreten jedweder Couleur zu
entwischen. Er ignoriert übergriffige,
bramarbasierende Intellektuelle wie Detering ebenso
wie den peinlichen Nachäffkünstler Wolfgang
Niedecken, der seit Jahren vergeblich versucht,
Dylan in die Niederungen seiner Kölschkleinkunst zu
zerren. Wie ein moderner Odysseus segelt Dylan
zwischen Scylla und Charybdis hindurch und bringt
jeden Vereinnahmungsversuch zum Scheitern. Von den
epigonalen Klimmzügen seiner eigennützigen
Verehrer unangefochten und unberührt, macht Bob
Dylan eine Arbeit als Song- und Danceman. Und so
soll es ja auch sein.
Leserbrief NBU vom 03. 05. 2005:
Hat Oysseus auch gesungen?
Freue mich über jeden guten Artikel,
der einem Musiker oder einem Musikkritiker gerecht wird. Aber ich finde es schofel einen Nebenschauplatz mit ungeliebten Kollegen oder ähnlich mutigen textgewandten Menschen auf Bob`s Bühne einzurichten. Hat man über Bob Dylan´s Musik nicht genug Stoff zu schreiben - schliesslich ist Bob doch schon länger auf Tournee als es der alte Haudegen Odysseus je gewesen war. Und hat der eigentlich auch gesungen? Wenn ja mit wem, welche Songs, mit Harp, kennt man die Musiker, wie gefielen die neuen Arrangements ...
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