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Er ist verstummt, er singt darüber
Die Zeit ist aus den Fugen, der Erzähler ohne Ausweg: Bob
Dylans düsteres neues Album, mit Leidenschaft gespielt
und vorgetragen, klingt wie ein langer Abschied.
Früher verstand man
nicht, was er sagte, wusste aber, was er meinte.
Heute geht es einem umgekehrt. Time out of Mind,
Bob Dylans 41.
offizielle Platte, der ersten mit Eigenkompositionen seit
sieben Jahren
und der besten seit mindestens acht, vielleicht seit über
zwanzig, macht
sehr klar, was er sagt, dass nämlich alles verloren sei. Was
er aber
meint, bleibt unklar; er gibt wieder Rätsel auf.
Verlustbekenntnisse
So sucht man die Texte
nach Hinweisen ab, liest Strophen wie Kommentare, zu
jedem Evangelium die Exegese. Stösst auf Zeilen wie "The
party's over and there's less and less to say" oder
"It's not dark yet, but it's getting there",
das mysteriöse "I got new eyes, everything looks far
away" oder "I wish someone would come and
push back the clock for me", Verlustbekenntnisse
eines alternden Mannes, allein im flackernden
Schein seiner Erinnerungen.
Dann der Satz, der sich
einbrennt: "I know it looks like I'm moving",
heisst es auf "Not Dark Yet", "but I'm standing
still." Von beidem, der
Absicht und ihrem Scheitern, handelt dieses Album.
Der Friedhof der
Gedanken
Looks like I'm moving .
. .: In allen Stücken ist von Gehen die Rede, oft
schon in der ersten Zeile; Dylan besingt den Gang durch tote,
dreckige
Strassen, das Stolpern in Nacht und Sturm und auf "dem
einsamen
Friedhof meiner Gedanken". Die Nerven liegen blank, Hitze
sticht in die
Augen, die Nächte sind fiebrig, die Träume schreckhaft.
Doch der Gang führt
nirgends hin. Distanzen bleiben unüberwindbar,
die Partner treiben auseinander. Dylan singt vom Ende der
Liebe, er
meint auch die Entfremdung zu seinem Publikum. "I'm tired
to try to
explain", singt er, "my attempts to please you, they
were all in vain."
Auch "Highlands", sein zärtlicher Blues zum
Schluss, über 16
Minuten lang, klingt wie ein Abschied: eine letzte Weigerung,
sich
ein Bild zu machen von denen, für die man singt.
Schliesslich wird die
Distanz zwischen Sein und Denken verhandelt,
zwischen dem Ort, wo man sich befindet, und dem Ort, an den
man
nur in Gedanken hinkommt. Dieser Ort oder diese Nähe bleibt für
Dylan der christliche Gott, doch scheint er sich heute
weniger sicher;
jüdische Skepsis mischt sich ein, ein radikaler
Individualismus ohne
Angst vor Lächerlichkeit. Er sei weit weg von dort, wo
er im Herzen
sein wolle, singt Dylan in Highlands, "doch
in Gedanken bin ich
angekommen, und das ist fürs erste gut genug". Es ist
die letzte Zeile
der Platte; sie enthält ihre einzige Hoffnung.
Im Blues geerdet
Musik und Vortrag sind
von schwermütiger Schönheit. Blues grundiert
die elf langen Stücke, zerdehnt wie die verhallten Gitarren,
wie das
Schimmern der Hammondorgel, zeitlupenhaft wie das karge Spiel
der Rhythmusgruppe. Produzent Daniel Lanois hat eine schwüle,
südliche
Atmosphäre geschaffen, "die Luft brennt", wie Dylan
singt, "ich
versuche klar zu denken". Kaum Solos zwischen den Stücken,
die
Refrains nur Zeilen, keine Strophen mehr. Einfache Musik für
komplizierte Zeiten.
Und Dylan singt seinen
Gospel ohne Hoffnung, seine Stimme klingt wie
aus tiefem Schlaf, zugleich versteht man jedes Wort. Er singt
wie selten
sonst in den letzten 35 Jahren; ein Verzweifelter der
Leidenschaft.
Flucht in die
Vergangenheit
Und doch: I'm standing
still: Unablässig werden Bewegungen und
Aufbrüche beschrieben, der Ausbruch aus einer als unerträglich
empfundenen Gegenwart, doch die Flucht führt in die
Vergangenheit.
Auf seinen letzten Soloplatten, Good as I Been to You
und
World Gone Wrong, hatte Dylan die kahle Musik
seiner Vorbilder
nachgespielt, die Verdichtungen von Bluescouplets, die in äusserster
Verknappung Existentielles verhandeln. "Ich habe nie
etwas
geschrieben, das schwer zu verstehen war, jedenfalls nicht in
meinem Kopf", sagte er schon 1966, "und nichts, das
so verrückt
klingt wie die ganz alten Lieder."
Nur sind solche Lieder,
wie er sie selbst geschrieben hat, heute nicht
mehr zu haben. Dieser Verlust an Geschichte, der die eigene
mit einschliesst, treibt das neue Album um. Time
out of Mind: Die Zeit ist
aus den Fugen, aber auch
aus dem Sinn. Geschichte wird nicht mehr
reflektiert, Erinnerungen verblassen. Und mit ihnen die
Stimmen, die
im Kopf des Sängers widerhallen, die Stimmen von Robert
Johnson,
Jimmy Rodgers, Howlin' Wolf und und Blind Willie McTell.
Der Befund fällt auf
seinen Autor zurück; der Erzähler von
Time out of Mind hängt Erinnerungen nach, die er nicht mehr
beschreiben kann. In den besten Stücken, und das sind die meisten, wird
dieses
Scheitern eingestanden, als Widerspruch zwischen Aussage und
Vortrag mit schwarzem Humor intoniert. Die Formelhaftigkeit
mancher
Zeilen, die verbrauchten Metaphern in Love Sick
oder Million Miles entwickeln ihre Poesie aus der
Intensität, mit der Dylan sie vorträgt. Auf
anderen Stücken münden Umständlichkeiten in
meisterliche
Verknappungen. Den surrealistischen Verzierungen der früheren
Jahre traut er nicht mehr, dem Lakonismus der Blueschiffren
noch
nicht. Er sucht seinen Stil, macht neue Fehler. Er sei
verstummt, singt
er - aus vollem Hals.
Das Album sei "eine
Aufführung, keine poetische Lesung", hat er
seine Arbeit kommentiert; "man fühlt sie mehr, als man
über sie
nachdenkt". Wo die Emotion die Reflexion verdrängt, ist
das Klischee
nicht weit. Die Texte von Cold Irons Bound, Make
You Feel my
Love oder Standing in the Doorway lesen sich
wie Parodien.
Was Dylan zu Jimmy Rodgers geschrieben hat, seinem Idol, bei
dem "
die Botschaft zwischen den Zeilen steht, er trägt sie vor wie
Nektar, der
durch Stahl geht", wird hier nicht eingelöst. Trauer
kippt hier um in
Selbstmitleid, die Klage verkommt zur Predigt.
Dylan soll das Material
in wenigen Tagen geschrieben haben,
Winter 1995, eingeschneit auf seiner Farm in Minnesota. Anfang
Jahr
hat er es ähnlich schnell eingespielt, elf Tage im
Criteria-Studio von
Miami, von über einem Dutzend Musikern begleitet, die
zusammen
klingen wie eine Bluesband. Musik aus dem Süden, Texte aus
der Kälte.
Die Stücke wurden live
aufgenommen, in unterschiedlichen
Versionen, die veröffentlichten Fassungen sind blosse
Varianten,
man hört die Fehler des Sängers, seine Manierismen in der
Phrasierung. Die ungeheure Kraft seiner Stimme und der Musik
lässt sie vergessen. Selten hat einer so heftig
gesungen, dass er nichts
mehr sagen möchte.
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