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Time out of Mind


Tages - Anzeiger
Zürich

vom
29. 09. 1997
von
Jean - Martin
Büttner


Er ist verstummt, er singt darüber

Die Zeit ist aus den Fugen, der Erzähler ohne Ausweg: Bob Dylans düsteres neues Album, mit Leidenschaft gespielt und vorgetragen, klingt wie ein langer Abschied.

Früher verstand man nicht, was er sagte, wusste aber, was er meinte. 
Heute geht es einem umgekehrt. Time out of Mind, Bob Dylans 41. 
offizielle Platte, der ersten mit Eigenkompositionen seit sieben Jahren 
und der besten seit mindestens acht, vielleicht seit über zwanzig, macht 
sehr klar, was er sagt, dass nämlich alles verloren sei. Was er aber 
meint, bleibt unklar; er gibt wieder Rätsel auf.

Verlustbekenntnisse

So sucht man die Texte nach Hinweisen ab, liest Strophen wie Kommentare, zu jedem Evangelium die Exegese. Stösst auf Zeilen wie "The party's over and there's less and less to say" oder "It's not dark yet, but it's getting there", das mysteriöse "I got new eyes, everything looks far away" oder "I  wish someone would come and push back the clock for me", Verlustbekenntnisse eines alternden Mannes, allein im flackernden 
Schein seiner Erinnerungen.

Dann der Satz, der sich einbrennt: "I know it looks like I'm moving", 
heisst es auf "Not Dark Yet", "but I'm standing still." Von beidem, der 
Absicht und ihrem Scheitern, handelt dieses Album.

Der Friedhof der Gedanken

Looks like I'm moving . . .: In allen Stücken ist von Gehen die Rede, oft 
schon in der ersten Zeile; Dylan besingt den Gang durch tote, dreckige 
Strassen, das Stolpern in Nacht und Sturm und auf "dem einsamen 
Friedhof meiner Gedanken". Die Nerven liegen blank, Hitze sticht in die 
Augen, die Nächte sind fiebrig, die Träume schreckhaft.

Doch der Gang führt nirgends hin. Distanzen bleiben unüberwindbar, 
die Partner treiben auseinander. Dylan singt vom Ende der Liebe, er 
meint auch die Entfremdung zu seinem Publikum. "I'm tired to try to 
explain", singt er, "my attempts to please you, they were all in vain." 
Auch "Highlands", sein zärtlicher Blues zum Schluss, über 16 
Minuten lang, klingt wie ein Abschied: eine letzte Weigerung, sich 
ein Bild zu machen von denen, für die man singt.

Schliesslich wird die Distanz zwischen Sein und Denken verhandelt, 
zwischen dem Ort, wo man sich befindet, und dem Ort, an den man 
nur in Gedanken hinkommt. Dieser Ort oder diese Nähe bleibt für
 Dylan der christliche Gott, doch scheint er sich heute weniger sicher; 
jüdische Skepsis mischt sich ein, ein radikaler Individualismus ohne
 Angst vor Lächerlichkeit. Er sei weit weg von dort, wo er im Herzen 
sein wolle, singt Dylan in Highlands, "doch in Gedanken bin ich 
angekommen, und das ist fürs erste gut genug". Es ist die letzte Zeile 
der Platte; sie enthält ihre einzige Hoffnung.

Im Blues geerdet

Musik und Vortrag sind von schwermütiger Schönheit. Blues grundiert 
die elf langen Stücke, zerdehnt wie die verhallten Gitarren, wie das 
Schimmern der Hammondorgel, zeitlupenhaft wie das karge Spiel der Rhythmusgruppe. Produzent Daniel Lanois hat eine schwüle, südliche 
Atmosphäre geschaffen, "die Luft brennt", wie Dylan singt, "ich 
versuche klar zu denken". Kaum Solos zwischen den Stücken, die 
Refrains nur Zeilen, keine Strophen mehr. Einfache Musik für 
komplizierte Zeiten.

Und Dylan singt seinen Gospel ohne Hoffnung, seine Stimme klingt wie 
aus tiefem Schlaf, zugleich versteht man jedes Wort. Er singt wie selten 
sonst in den letzten 35 Jahren; ein Verzweifelter der Leidenschaft.

Flucht in die Vergangenheit

Und doch: I'm standing still: Unablässig werden Bewegungen und 
Aufbrüche beschrieben, der Ausbruch aus einer als unerträglich 
empfundenen Gegenwart, doch die Flucht führt in die Vergangenheit. 
Auf seinen letzten Soloplatten, Good as I Been to You und 
World Gone Wrong, hatte Dylan die kahle Musik seiner Vorbilder 
nachgespielt, die Verdichtungen von Bluescouplets, die in äusserster 
Verknappung Existentielles verhandeln. "Ich habe nie etwas 
geschrieben, das schwer zu verstehen war, jedenfalls nicht in 
meinem Kopf", sagte er schon 1966, "und nichts, das so verrückt 
klingt wie die ganz alten Lieder."

Nur sind solche Lieder, wie er sie selbst geschrieben hat, heute nicht 
mehr zu haben. Dieser Verlust an Geschichte, der die eigene mit einschliesst, treibt das neue Album um. Time out of Mind: Die Zeit ist 
aus den Fugen, aber auch aus dem Sinn. Geschichte wird nicht mehr
reflektiert, Erinnerungen verblassen. Und mit ihnen die Stimmen, die 
im Kopf des Sängers widerhallen, die Stimmen von Robert Johnson, 
Jimmy Rodgers, Howlin' Wolf und und Blind Willie McTell.

Der Befund fällt auf seinen Autor zurück; der Erzähler von 
Time out of Mind hängt Erinnerungen nach, die er nicht mehr beschreiben kann. In den besten Stücken, und das sind die meisten, wird dieses Scheitern eingestanden, als Widerspruch zwischen Aussage und 
Vortrag mit schwarzem Humor intoniert. Die Formelhaftigkeit mancher 
Zeilen, die verbrauchten Metaphern in Love Sick oder Million Miles entwickeln ihre Poesie aus der Intensität, mit der Dylan sie vorträgt. Auf
anderen Stücken münden Umständlichkeiten in meisterliche 
Verknappungen. Den surrealistischen Verzierungen der früheren 
Jahre traut er nicht mehr, dem Lakonismus der Blueschiffren noch 
nicht. Er sucht seinen Stil, macht neue Fehler. Er sei verstummt, singt 
er - aus vollem Hals.

Das Album sei "eine Aufführung, keine poetische Lesung", hat er 
seine Arbeit kommentiert; "man fühlt sie mehr, als man über sie 
nachdenkt". Wo die Emotion die Reflexion verdrängt, ist das Klischee 
nicht weit. Die Texte von Cold Irons Bound, Make You Feel my 
Love
oder Standing in the Doorway lesen sich wie Parodien. 
Was Dylan zu Jimmy Rodgers geschrieben hat, seinem Idol, bei dem "
die Botschaft zwischen den Zeilen steht, er trägt sie vor wie Nektar, der 
durch Stahl geht", wird hier nicht eingelöst. Trauer kippt hier um in 
Selbstmitleid, die Klage verkommt zur Predigt.

Dylan soll das Material in wenigen Tagen geschrieben haben, 
Winter 1995, eingeschneit auf seiner Farm in Minnesota. Anfang Jahr 
hat er es ähnlich schnell eingespielt, elf Tage im Criteria-Studio von 
Miami, von über einem Dutzend Musikern begleitet, die zusammen 
klingen wie eine Bluesband. Musik aus dem Süden, Texte aus der Kälte.

Die Stücke wurden live aufgenommen, in unterschiedlichen 
Versionen, die veröffentlichten Fassungen sind blosse Varianten, 
man hört die Fehler des Sängers, seine Manierismen in der 
Phrasierung. Die ungeheure Kraft seiner Stimme und der Musik
lässt sie vergessen. Selten hat einer so heftig gesungen, dass er nichts 
mehr sagen möchte.


Time out of Mind