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© 2002 Norbert Baro
Last update
17. November 2002
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Ich
halte sie für ein Meisterstück.
von Helmut Salzinger
Sounds 2 / 74
Bob Dylan´s neueste LP heißt schlicht Dylan, und genauso klingt sie auch:
Dylan und was er inzwischen ales kann.
Die Platte enthält neun Titel, und - ein absolutes Novum - nicht einer ist
von
ihm selbst geschrieben. Trotzdem ist sie von vorn bis hinten reinster
Dylan. Ich
halte sie für ein Meisterstück.
Wie es scheint (es gibt keine näheren Angaben auf dem Cover), sind
die
Aufnahmen sämtlich älteren Datums, aus der Zeit von Self
Portrait
und
New Morning, was jedoch nicht gegen ihre Qualität spricht. Ich finde
sie sogar
ausnahmslos besser als Dylans früher erschienene Versuche
mit fremden Material.
Was auf dieser Platte versammelt ist, bezeugt vor
allem Dylans Meisterschaft als
Sänger. Gerade weil es sich um fremdes
Material handelt, die Texte einfach, zum
Teil ausgesprochen banal sind,
darf man sich getrost auf das Wie ihrer
Darbietung konzentrieren.
Man muß es sogar. Wer eine neue Botschaft von Bob Dylan erwartet hat,
wird
entäuscht sein. Wieder einmal. Bob Dylan verkündet nichts. er singt.
Was er zu sagen hat - wenn er dann etwas zu sagen hat - sagt er
ausschließlich
musikalisch. Die verschiedenartige Herkunft der Songs
aber bewirkt, daß er das
gesamte Spektrum seiner stimmlichen
Möglichkeiten ausbreiten kann. Sop enthält
die Platte eine
Zusammenfassung all dessen, was er sich seit
Blonde on Blonde
erarbeitet hat. Eine Summe wird gezogen, und man wird den Titel der
Platte im
Sinne von
Self Portrait
zu deuten haben.
Dylan
ist ein neues,
nun aber
rein musiklisches Selbstbildnis.
Musikalisch gesehen wimmelt es hier von Zitaten, von Selbstzitaten.
Ich höre
hier den Dylan von
John Wesley Harding
und
Nashville Skyline,
von
Self Portrait
und
New Morning, und ich höre sogar den frühen
Balladensänger, der
ausschließlich auf den Bootlegs - LPs dokumentiert
ist. Indem Dylan
fortwährend Dylan zitiert, behauptet er immer wieder
Kontinuität seiner musikalischen Entwicklung, wehrt er sich zugleich
gegen die verschiedenen
Images, die ihm in der Vergangenheit vom
Publikum, von der Kritik, von seiner
Plattenfirma angedichtet
worden sind.
Spätestens seit seinem ,,Rolling Stones" - Interview sollte klar geworden
sein,
daß er sich nicht als Leitbild oder Sprecher einer Generation
verkaufen lassen
will. Er sieht sich als Musiker und als nichts sonst.
Die Interessen eines
Musikers aber gehen sicherlich in andere Richtungen
als die seiner Hörer oder
gar Fans, die ihm immer wieder das gleiche
abverlangen, mit dem er schon einmal
Erfolg bei ihnen hatte. Ihm aber
geht es nicht um diese Art von Erfolg. Ihm geht
es um die Entwicklung
und Erprobung seiner musikalischen Möglichkeiten, auch
wenn ihm die
Fans dabei nicht mehr folgen sollten. Die diesbezüglichen
Erfahrungen
hat er längst hinter sich, und wenn es für ihn noch eine Rolle
gibt, die er
zu spielen hat, dann die Rolle dessen, der sich allen
Rollenerwartungen
entzieht.
Ich halte es darum für einen schlimmen Irrtum, aus der Tatsache, daß er
sich
auch an Elvis - Nummern versucht zu schließen, er sei auf den
Erfolgstrip
gegangen und zu Konzessionen an den Publikumsgeschmack
bereit. Verhält es sich
nicht vielmehr so, daß er , indem er denVergleich
geradezu herausfordert, sich
mit dem Größten mißt? - Denn Elvis ist
der Größte, und ich kann mir sehr
gut vorstellen, daß es für einen Musiker,
der in seiner Art ebenfalls der
Größte ist, eine Frage des Selbstbewußtseins
ist, sich an ihm zu erproben und sich mit ihm zu messen.
Also singt Dylan Elvis - Nummern, und er versucht sie so gut zu bringen
wie
Elvis, allerdings nicht wie Elvis, sondern wie Dylan so etwas macht,
wenn er so
etwas macht.Und dann sind es plötzlich Dylan - Nummern,
und die Banalität des
musikalischen Materials spielt keine Rolle mehr.
,,Can´t help falling in love"
zum Beispiel, bei Elvis eine hochgepeppte
Schnulze, die mit kommerziellem Pathos
die falschen Gefühle
sentimentaler Teenager streichelt, ist bei Dylan zu einem
einfachen
Liebeslied geworden, das ein Gefühl ausdrückt, ohne es auszuschlachten.
Aber auch Dylan macht es mit seiner Stimme.
Denn hier ist sie wieder, diese unverwechselbare, etwas heisere
Dylan - Stimme,
die einem durchs Ohr gleich unter die Haut geht und die
man seit
Sad - Eyed Lady
of the Lowlands
nur noch ausnahmsweise
zu hören bekommen hat, diese Stimme, die
ich hungrig nennen möchte,
weil ich aus ihr das beständige, aber unstillbare Verlangen nach -
Pardon -,
ja Glück heraushöre...
Der Rest ist
Zuhören
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