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2004 Norbert Baro
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18. February 2004

Dylan experimentiert wieder
von Carl Weißner 
Sounds 3 / 1976


Dylan experimentiert wieder, zwar mit unterschiedlichen Erfolg, aber 
er experimentiert - und das ist schon mal ein Pluspunkt dieser LP: 
neue Begleitmusiker; Duo - Gesang mit weiblicher Stimme (die übrigens 
erste Stimme singt) ; Arrangements in ungewöhnlicher Instrumentierung 
und die Texte hat er erstmals nicht allein geschrieben, sondern zusammen 
mit einem Off - Broadway - Theatermann namens Jacques Levy.

Die Arrangements und die etwas riskante Instrumentierung mögen Geschmacksache sein. Es führt jedoch bedenklich in die Nähe von platter ,,Programm - Musik", wenn man den schwarzen Boxer ,,Hurricane " 
Carter mit Bongotrommeln untermalt, dem New Yorker Gangster mit den 
italienischen Vorfahren
(Joey) eine neapolitanische Mandoline draufsetzt, 
und wenn man gar dem mexikanischen Desperado
(Ramance in Durango) 
ein elektronisches Schifferklavier bei giebt, das bei Bedarf auch 
Fiesta - Trompeten imitieren kann.

Von Scarlet Riveras Geige läßt sich bestenfalls sagen, daß sie im 
großen und ganzen nicht stört. Schlimm wird ´s nur dort wo ihr 
Arrangement Raum zum Improvisieren läßt; und wenn sie sich in Dylans Mundharmonika - Soli reinsägt, zieht es einem die Socken aus.

Aber all das ist ist halb so wild, denn Dylan behandelt die Arrangements 
durchaus mit Ironie, indem er sich weigert, die Musik auf Perfektion 
zu trimmen. Und: bei einigen Nummern ist ausgesprochener Pep dahinter. 
Das ist abgesehen von einem überraschend resoluten Dylan, vor allem 
dem Bassisten Rob Stoner und dem Drummer Howard Wyeth zu verdanken. 
Bestes Beispiel: Isis - Dylan spuckt hier seinen Text wieder mit dem 
aggressiven twang aus;Stoner zieht manches starke Riff ab; und Wyeth 
beweist, daß er ein richtiger kleiner  Shitkicker sein kann.

Ein weiterer Pluspunkt: Emmylou Harris. Mit Dylan im Duett zu singen, 
ist weiß Gott nicht die einfachste Sache von der Welt. Emmylou tut das 
einfach Richtige: sie versucht es erst gar nicht mit Routine, sondern
 steigt mit vollem Risiko ein. Das geht nicht immer glatt auf; aber genau 
so, finde ich, kommt es am überzeugendsten rüber. Einer der besten 
Dylan - Songs seit langem ist
Black Diamond Bay. Wer einmal mit 
Genuß die Romane von Joseph Conrad geschmökert hat, kommt hier voll 
auf seine Kosten.  

Schließlich die beiden großen ,,Protestsongs" dieser LP. Sie sind stärker 
als viele von Dylans früheren Balladen über Outlaws, Opfer von 
Rassenjustiz usw. - denn Dylan versucht hier nicht, die Sache 
dichterisch zu überhöhen; er geht geradezu journalistisch heran, nennt 
Namen und bringt schließlich harte Facts aufs Tapet. (Bei
Hurricane ging 
er sogar so sehr in die Einzelheiten, daß ihm die Anwälte von CBS 
eine Zeile streichen mußten, um die Plattenfirma vor einer 
Verleumdungsklage zu bewahren.) Die musikalische Verpackung 
von
Hurricane ist vielleicht ein bißchen eintönig für so eine lange 
Nummer,
Joey dagegen geht in jeder Beziehung in die Vollen. Mit 
seiner Sympathie für den Outsider Joey setzt sich Dylan übrigens
 bewußt in die Nesseln: Joey Gallo war eine Randfigur der New Yorker 
Mafia, und seinen Spitznamen ,,Crazy Joe"trug er nicht zu Unrecht - 
er war crazy genug, ausgerechnet seinen schärfsten Rivalen die 
Klubklasse auszuräumen. Dafür wurde er prompt umgenietet.


Joey Gallo

1929 - 1972

Brooklyn gangster & racketeer. He worked for 
Mafia boss Carlo Gambino & was a top gunman. 
Rival Mafia figures nicknamed Gallo "Crazy Joe"
 because of his


Joe Gallo.GIF (35713 bytes)

 unpredictable, ruthless nature. In the late 1940s
 & early 1950s, Gallo and his brothers, Larry & 
Albert "Kid Blast," engaged in a mob war against 
the Joseph Profaci family to gain control of the 
Brooklyn drug racket. Gallo later continued 
the war against Joseph Colombo. Realizing the 
gradual shift in power from Italians to blacks, Gallo 
made friends with black gang leaders, who helped
 him run his rackets. An unknown gunman 
shot & killed him at a NYC restaurant 
on April 7, 1972.
 

Diese LP beweist, daß Dylan nach wie vor bereit ist, noch etwas zu 
riskieren. Das hat sich mit Highlights wie
Isis, Black Diamond Bay (und in Klammern: Hurricane) wieder einmal ausgezahlt.   

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